Eine Adventsandacht

1 Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus 2 und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir!

3 Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. 4 Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9): 5 »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.« 6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, 7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf und er setzte sich darauf. 8 Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. 9 Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe! 10 Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und fragte: Wer ist der? 11 Die Menge aber sprach: Das ist Jesus, der Prophet aus Nazareth in Galiläa. Mt 21. 1 -11

Heute ist der erste Advent und zugleich der Beginn des neuen Kirchenjahres. Adventus heißt Ankunft, unser Kirchenjahr beginnt mit dem Warten auf die Ankunft des Herrn in der Welt. Warten heißt aber nicht Füße hochlegen und mal schauen, was die nächsten Wochen so bringen. Warten heißt zu ERwarten, etwas erwarten bedeutet Spannung, Ausrichtung und natürlich Vorbereitung.

All das spiegelt sich wieder in der angebrochenen Adventszeit, wir schmücken unsere Wohnungen, alles wird ein wenig ruhiger und gespannter, Vorfreude macht sich breit, wir rüsten uns für das Weihnachtsfest. Dieses Jahr habe ich mich so sehr darauf gefreut, dass ich schon am Abend des Ewigkeitssonntags begonnen habe, alles auszupacken und mir zu überlegen, wo welche Dekoration hinkommt, damit es dann sofort losgehen kann. Nochmal Fenster putzen, sauber machen, alles hinstellen, rücken, überlegen, nochmal anders. Bis dann endlich alles vorbereitet ist, die ersten Kerzen brennen und Räucherkerzenduft den Raum erfüllt. So viel zu meinen Vorbereitungen.

Unser heutiger Bibeltext besteht zum Großteil aus Schilderungen von Vorbereitungen für die Ankunft von Jesus in Jerusalem. Aber anders als unsere heutigen Vorbereitungen folgten diese einer in alten Schriften prophezeiten Form, Zeichen, die mit dem Kommen des Messias in direkter Verbindung gesehen wurden und Allgemeinwissen unter den Juden waren. So soll er kommen sanftmütig und auf einem Esel und einem Füllen reitend durch das Goldene Tor Jerusalems. Das bedarf einiger Vorbereitung. Jesus schickt seine Jünger voraus, diese Eselin und ihr Junges zu holen. Versetzen wir uns kurz in die Lage des Besitzers: Plötzlich kommen zwei wildfremde Menschen ins Dorf, binden die Tiere los und nehmen sie einfach mit. Sowas nennt man Diebstahl. Vielleicht ist der Besitzer aus dem Haus gerannt und hat versucht, sie aufzuhalten. Die Antwort die er erhält ist: "Der HERR bedarf ihrer." Und Jesus prophezeit: Auf diese Antwort hin wird er sie Euch überlassen.

Das kann ja jeder erzählen, könnte man sagen. Doch diese Prophezeiung spiegelt die Erwartungshaltung des jüdischen Volkes wieder: Wenn dieser kurze Satz: "Der HERR bedarf ihrer" ausreicht, um alles zu erklären, dann muss dem Besitzer das Wort von Sacharja bekannt und auch präsent gewesen sein. Ansonsten hätte er sie vermutlich aus dem Dorf gejagt.

Aber sie brachten die Tiere zu Jesus, so dass genau dieses Zeichen erfüllt wurde. Auf dieses Zeichen hin bereitet man ihm den Weg, es werden Zweige und Kleider ausgelegt und eine große Menge kündet mit Hosianna-Rufen das Kommen des Heilsbringers an, die ganze Stadt ist in Aufruhr. Er wird erwartet, es wird ihm ein Weg vorbereitet und geebnet, bis er dann endlich in die Stadt reitet.

Das ist der erste Aspekt, den ich an diesem Text gefunden habe: Die Frage nach meiner Erwartungshaltung. Wie bereite ich mich vor? Bereite ich mich überhaupt vor? Oder ist es mir eigentlich egal, alle Jahre wieder, nix Neues? Der Text zeichnet ein sehr deutliches Bild: Der König der Juden wird erwartet.

Ein zweiter Aspekt geht in eine andere Richtung: Wann fand dieses Ereignis statt? Die Antwort ist uns allen sicherlich klar: Palmsonntag, eine Woche vor Ostern. Ich musste wieder an eine Andacht denken, die ich mal vor Jahren gehört habe und von der mir ein Satz hängengeblieben ist: Weihnachten von Ostern her denken. Zu Weihnachten schon an Ostern denken. Genau das tun wir heute mit diesem Bibeltext. Das ist angelegt in der Perikopenordnung, die die Schriftlesung und die Predigttexte für das Kirchenjahr festlegt. Das ist angelegt im Kirchenjahr selbst. Wir empfinden die Abfolge der damaligen Ereignisse nach, die Ankunft Jesu, die Kreuzigung, die Auferstehung, die Himmelfahrt, Pfingsten. Was für ein Bogen!

All diese Feste sollen uns erinnern, sollen unsere Erwartungshaltung stärken, die jedes Kirchenjahr von Neuem im Advent ihren Ursprung hat. Das Nachempfinden der Ereignisse lässt uns glauben, hoffen und nicht vergessen. Und so erleben wir es immer wieder: Die geschmückten Fenster der Wohnungen, die vielen Lichter, die besonderen, alten, traditionellen Lieder - all das ist Ausdruck unserer Erwartungshaltung.

Und es gibt einen dritten Aspekt im Text, auf den ich eingehen möchte. Diesen finden wir in den Versen 10 und 11:

Genauso wie damals wird heute die Frage gestellt: Wer ist Jesus? Wir erleben sie täglich, Menschen, die Jesus nicht kennen. Menschen, die zwar die Adventszeit und Weihnachten feiern, aber das nicht mit Jesus verbinden. Die es entweder noch nie wussten, dass es nicht um den Weihnachtsmann, die Familie oder irgendwelches Brauchtum geht, oder die es vergessen haben oder vergessen wollten. Oder es gar leugnen.

All jenen ruft die Menge derer, die Jesus vorangehen, entgegen: Das ist Jesus, der Prophet aus Nazareth in Galiläa. Wenige Tage später wird ein Römer (Pontius Pilatus) über Jesus mit einem Schild am Kreuz Zeugnis ablegen: Der König der Juden.

Wer ist der? Es ist unsere Aufgabe, diese Frage, die uns immer wieder entgegenschlägt zu beantworten: Das ist Jesus, der König der Juden, der Sohn Gottes, der Heiland, der Erretter und Erlöser, Menschensohn, Friedefürst.

Wir warten und erwarten, wir treffen Vorbereitungen, Jesus zu empfangen.

Im Kirchenjahr gehen wir unseren Weg mit Jesus, wir folgen ihm nach und halten unsere Hoffnung hoch.

Wir legen Zeugnis ab und verkünden, wen wir feiern und warum wir das Tun. Wir tragen nach außen, was uns im Innersten berührt und erfüllt: Gottes Liebe, die uns in Jesus offenbart wurde.

Amen.

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